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Der perfekte Stativschirm

Welcher Landschaftsfotograf hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, seine Ausrüstung mit einem Stativschirm vor Regen zu schützen? Vor ein paar Jahren entstand bei mir aus diesen Gedanken ein kleines Projekt, welches ich schließlich in die Praxis umgesetzt habe. Ich selbst war vom Ergebnis begeistert (und bin es noch immer), wurde aber wegen dieses Schirmchens oft belächelt. Setzte dann aber Regen ein, war ich es, der gelächelt und weiter fotografiert hat, während die anderen ihre Ausrüstung zusammengepackt haben. Gerade Langzeitbelichtungen sind im Regen schwer zu realisieren. Während der letzten Fototour im Berner Oberland wurde ich von verschiedener Seite nach dem Bauplan dieses Stativschirms gefragt. Eine gute Gelegenheit, jetzt darüber einen Blogbeitrag zu verfassen. In dieser Anleitung zeige ich dir, wie es gelingt, einen solchen Fotoschirm nachzubauen, diesen stabil am Stativ zu befestigen und welche Materialien ich mir dafür angeschafft habe.

Natürlich gibt es bereits ein paar Schirme für Fotografen am Markt, ich bin also nicht der Erfinder. Mich hat aber keine dieser vorgefertigten Lösungen wirklich überzeugen können. Und wer mich kennt, der weiß, was es nicht gibt, wird gebaut und passend gemacht bis es sich perfekt in mein Equipment einfügt.

Die Suche nach dem richtigen Schirm

Meine Suche nach einer brauchbaren Lösung begann zunächst bei artverwandten Produkten, also etwa Schirmsysteme für Kinderwagen, Golf Caddies und Rollatoren. Aber auch dieses Zubehör war oft entweder sehr schwer, sperrig, unflexibel oder instabil. Klar, wer einen Schirm nicht tragen muss, legt kaum Wert auf geringes Gewicht. Zudem fand ich einfach keine brauchbare Haltevorrichtung für den Rohrdurchmesser meines Stativs. Immerhin entsprachen Kinderwagenschirme von ihrer Aufspannfläche und der Beschaffenheit des Stoffes am ehesten dem, was ich mir vorgestellt hatte. Damit war ein Anfang geschafft. Ein Schirm sollte idealerweise leicht, möglichst hochwertig und einfach in der Anwendung sein. Natürlich auch gut in den Rucksack passen und die Schirmfläche sollte hinreichend vor Regen schützen aber gleichzeitig dem Wind nur eine kleine Angriffsfläche bieten. Klingt nach einer Quadratur des Kreises. War es möglich, das alles unter einen „Schirm“ zu bringen?

Als ersten Baustein schaffte ich mir einen Chicco Kinderwagen Sonnenschirm an. Ich hatte ihn in einem großen Kaufhaus entdeckt. Die Halterung schien für meine Zwecke zwar geradezu abschreckend klobig, aber der Schirm selbst war blickdicht, farbneutral und verfügte über einen guten UV-Schutz. Der Durchmesser von 70 cm passte mir ebenfalls. Besonders überzeugt haben mich aber die beiden Gelenke, eines gleich unterhalb des Schiebers und ein weiteres oberhalb der Halterung. Dank des oberen Gelenks lässt sich der Schirm bei Bedarf hervorragend aus dem Blickfeld des Weitwinkelobjektivs herausneigen und zwar ohne den Neigungswinkel des Stocks insgesamt zu beeinflussen. Damit lassen sich eine Menge verschiedener Positionen realisieren. Wie wichtig diese Flexibilität in der Praxis sein würde, wurde mir erst im Verlauf des jahrelangen Einsatzes richtig bewusst.

Schirmgelenke für mehr Flexibilität

Wenn ich es also schaffte, die originale Klemmvorrichtung zu entfernen (ohne dabei die Haltevorrichtung zu zerstören) und durch eine bessere zu ersetzen, dann wäre das Ergebnis vielversprechend. Ein leichter, hochwertiger und flexibler Schirm, noch dazu einfach am Stativ zu befestigen. Was will man mehr? Aber erstmal stand ich vor der Herausforderung, eine passende Halterung zu finden und dann irgendwie Schirm und Halterung zusammen zu führen.

Der lange Weg zur perfekten Halterung

Die meisten ambitionierten Landschaftsfotografen werden (wie ich selbst) ein Karbonstativ im Einsatz haben. Stative aus Karbon haben den enormen Vorteil, dass sie leicht und schwingungsarm sind. Aber Karbon ist auch empfindlich und teuer. Deshalb musste eine Halterung her, die den Schirm zwar stabil trägt aber nicht beschädigt.

Campagnolo DC12 Befestigungsschelle für EPS Anlöt Umwerfer

Nach einer gefühlt ewig langen Suche in alle möglichen Richtungen bin ich schließlich auf Befestigungsschellen für Anlöt Umwerfer von Fahrrädern gestoßen. Sattelrohre von Fahrrädern haben im Prinzip ähnliche Eigenschaften wie Stativrohre: sie sind rund, haben vergleichbare Durchmesser und bestehen manchmal auch aus Karbon. Das war ein vielversprechender Ansatz. Befestigungsschellen müssen ein Sattelrohr absolut gleichmäßig klemmen, damit sie keine Beschädigungen verursachen. Und genau deshalb eignen sie sich auch wunderbar für Karbonstative. Bei der Montage ist dennoch Vorsicht geboten. Deshalb hier der Disclaimer: Nachbau und Nutzung des hier beschriebenen Schirmsystems erfolgt gänzlich auf eigenes Risiko. Ich habe mir um jegliche Beschädigung zu vermeiden, aus Gummi eine Unterlage genau in der Größe der Schelleninnenfläche zugeschnitten (siehe Abbildung oben). Dadurch hält die Schelle bombensicher am Stativ und sie kann dem Karbon nichts anhaben.

Die Sache wäre jetzt aber zu einfach, wenn die Suche damit schon zu Ende wäre. Es ist komplizierter. Sattelrohre von Rennrädern weisen genau wie Stativbeine unterschiedliche Durchmesser auf. Da kocht jeder sein eigenes Süppchen. Ob dein Nachbau von Erfolg gekrönt sein wird, hängt also wesentlich davon ab, ob du eine Befestigungsschelle findest, die zum Durchmesser deines Stativs passt. Es wird also etwas Eigenleistung gefordert um zum Ziel zu kommen.

An meinem Really Right Stuff TVC-24 L Mark II verwende ich eine DC12-Befestigungsschelle der italienischen Edelschmiede Campagnolo. Sie wird dort in 32 mm und 35 mm Durchmesser angeboten. Vielleicht passt sie auch zu deinem Stativ. Das wäre natürlich toll. Der Durchmesser meines obersten Stativsegments beträgt 33 mm und die 2 mm größere Schelle passt perfekt. Wie bereits erwähnt hilft allenfalls eine Unterlage, z.B. zugeschnitten aus einem Stück Fahrradschlauch um einen Größenausgleich vorzunehmen.

Wenn nun beide passenden Hauptbestandteile meines Systems vorliegen, steht einer Hochzeit von Schirm und Befestigungsschelle nichts mehr im Wege und man kann sich aufmachen, im Einzelhandel folgendes Material zu besorgen:

  • (1+2) 1x Chicco Sonnenschirm Sun Protection Parasol Black
    UV 50+ Protection (gekauft im Rheincenter, Weil am Rhein)
  • (3) 1x Campagnolo DC12 Befestigungsschelle (gekauft bei www.bike24.de)
  • (4) 1x Flügelgriffschraube D=40 mm M6 x 26 (gekauft im Hornbach)
  • (5) 3x U-Scheiben DIN 125 Polyamid (gekauft im Hornbach)
  • (6) 2x Kotflügelscheiben 6,4 x 25 verzinkt (gekauft im Hornbach)
  • (7) 1x Kotflügelscheibe 6,4 x 20 verzinkt (gekauft im Hornbach)
  • (8) 1x Rundmutter M6 10 x 14 x 8 verzinkt (gekauft im Hornbach)
Übersicht über die Einzelteile

Bevor man den Zusammenbau in Angriff nehmen kann, müssen an den Einzelteilen noch zwei Dinge verändert werden: Als erstes wird die originale Klemmung zerlegt und alle überschüssigen Teile entfernt. Dazu dreht man an der Flügelgriffschraube im Gegenuhrzeigersinn, bis sich der Griff (!) vom Gewinde löst. Anders als man erwarten würde, besteht das Gewinde und sein quadratisches Ende aus einem Stück, so dass sich die Schraube nur über den Griff ausbauen lässt. Am Ende stößt man das Gewinde heraus und zerlegt alles wie abgebildet. Im zweiten Schritt wird die klobige Ummantelung abgezogen. Damit bleibt nur noch das nackte Drehgelenk übrig (zweite Abbildung).

Schritt 1: Klemme zerlegt
Schritt 2: Ummantelung abziehen

Als nächstes muss die Kotflügelscheibe (7) auf zwei Seiten jeweils ein kleines Stück abgeschliffen werden, damit sie perfekt in die freigewordene Aussparung des Halters passt. Das lässt sich leicht mit einer Metallfeile erledigen während die Scheibe mit einer Flachzange gehalten wird. Alternativ kann man die Scheibe auch in eine Werkbank einspannen.

Kotflügelscheibe beidseitig etwas abschleifen

Damit ist die Vorbereitung abgeschlossen und es können alle Teile zum Zusammenbau bereit gelegt werden.

Der Zusammenbau im Detail

Einzelteile vor dem Zusammenbau

Am besten beginnt man damit, die zuvor abgeschliffene Kotflügelscheibe (7) in den durch den Rückbau des Halters freigewordenen Raum zu legen. Dann nimmt man sich die Flügelgriffschraube (4) zur Hand und legt eine große Kotflügelscheibe (6) über das Gewinde. Dann wird das Gewinde von hinten durch die Halterung gesteckt und auf der Vorderseite die drei Polyamid Scheiben (5) angebracht. Mit der zweiten Kotflügelscheibe (6) wird der Zusammenbau abgeschlossen und als Befestigung kommt die Rundmutter (8) auf das Gewinde. Fertig.

Halterung zusammengebaut

Montage am Stativ

Das System besteht aus drei Teilen. Ich bewahre Halter und Schirm getrennt in meinem Fotorucksack auf während die Befestigungsschelle dauerhaft am Stativ montiert ist. Sie stört da wegen ihres geringen Gewichts von nur 28 Gramm und der bescheidenen Größe überhaupt nicht. Die Montage der Befestigungsschelle am Stativ war denkbar einfach, deshalb verzichte ich auf eine Anleitung. Die Halterung wird mit ein paar Handgriffen an der Schelle angebracht: einfach Rundmutter lösen und aufpassen, dass sich die Einzelteile nicht in die Natur verabschieden. Dann die Schraube auf der flachen Seite der Schelle durchschieben, Rundmutter gegen halten und mit der anderen Hand an der Flügelgriffschraube drehen bis die Rundmutter sitzt. Bei Regen befestige ich die Halterung oft schon zuhause und klappe sie nach unten. Dann brauche ich bei Bedarf die Halterung nur nach oben klappen und den Schirm eindrehen – Fertig! Eine kleine Anmerkung am Rande: das Gewinde der Flügelgriffschraube ist von ihrer Länge etwas knapp, allerdings hält die Rundmutter trotzdem ohne Einschränkung. Wer lieber ein längeres Gewinde haben möchte, kann sich im Hornbach die 41 mm Version der Flügelgriffschraube besorgen und diese auf die gewünschte Länge kürzen.

Halterung herunter geklappt
Halterung bereit für den Einsatz

Optionale Anpassung des Schirms

Nun kann das Schirmchen eingedreht werden und seinen Dienst aufnehmen. Nach den ersten Einsätzen kann man sich noch Gedanken machen, ob einem die Stockhöhe des Schirms passt oder ob man vielleicht deren Länge an seine persönlichen Vorlieben anpassen möchte. Ich habe meinen um 80 mm gekürzt und zwar aus zwei Gründen: Erstens habe ich festgestellt, dass es von Vorteil ist wenn der Abstand zwischen Kamera und Schirm nicht zu groß ist und zweitens passt der Schirm nach der Kürzung nun genau seitlich in meinen f-stop Lotus. Das ist natürlich doppelt praktisch.

Vergleich: Schaft original und gekürzt (oben)

Die Kürzung des Stocks geht einfach von der Hand: Zuerst wird der Schaft mit einer Metallsäge vorsichtig auf die gewünschte Länge zugeschnitten, dann wird aus dem abgetrennten Stück mit einer Zange das Messing Gewinde entnommen. Dieses Messing Gewinde kann dann einfach in das neue Ende des Stocks eingesetzt, ausgerichtet (siehe Pfeile in der Abbildung unten) und mit einem leichten gezielten Schlag eines Hammers auf einen Schlitzschraubenzieher fixiert werden. Für diesen Beitrag habe ich meinen Schirmsystem final gewogen. Ich wollte einfach mal wissen, wie schwer alles ist. Es wiegt mit allen Komponenten genau 369 Gramm. Ich finde das im Vergleich zu den anderen Lösungen am Markt sehr gut.

  • Campagnolo Befestigungsschelle 28 g
  • Modifizierte Halterung 143 g
  • Chicco Sonnenschirm, gekürzt 198 g
Einkerbung schlagen

Abschließende Bemerkungen

Wenn du die Ausdauer aufgebracht hast, diese Anleitung bis zum Ende zu lesen, dann bist du vielleicht auch gewillt, den Aufwand auf dich zu nehmen, um dieses wirklich nützliche Gadget nachzubauen. Dank der stabilen Bauweise wird dir das kleine Helferlein für viele Jahre an jeder Wetterfront treue Dienste leisten. Ich habe mein Schirmchen richtig lieb gewonnen und gehe nicht mehr ohne auf Tour. Vielen Dank für dein Interesse an meinem Blog und allzeit gut‘ Licht!

4 Kommentare zu “Der perfekte Stativschirm”

  1. Hallo Manfred,

    ich weiß nicht ob ich eigentlich schon ausgesprochen hatte, aber auf diesen Artikel hatte ich schon länger gewartet! Ich danke Dir hier als Erster aller Fotofreunde für das Teilen Deiner Erfahrungen und nicht zuletzt einer perfekten (Nach-)Bauanleitung! Das ist alles andere als selbstverständlich und bisher sehr rar im Netz zu finden. DANKESCHÖN!

    Liebe Grüße,
    Dirk

    • Hallo mein lieber Dirk,

      ich hatte u.a. Deine Worte im Hinterkopf als ich zum Verfassen dieses Artikels schritt. Lange habe ich mich darum gedrückt, denn wie man sieht, ist daraus eine umfangreiche Anleitung geworden – umfangreicher als mir aktuell Zeit zur Verfügung steht. Aber nun ist er fertig und wird hoffentlich den einen oder anderen zum Nachbau animieren. Ich hoffe natürlich auf zahlreiche Rückmeldungen, denn es gäbe sicherlich einiges am Produkt zu verbessern und ich wäre der letzte, der sich dem verschließt.

      Vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar mein Freund!

      Beste Grüße,
      Manfred

  2. Lieber Manfred, danke für die Mühe. Ich freue mich immer über Macher, die Probleme anpacken und kreativ lösen. Ich mag Dein Schirmchen. Herzliche Grüße aus dem Harz

    • Hallo lieber Michael,

      das freut mich ganz besonders :). Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das Schirmchen bei Deiner Jagd nach den Loks gut machen wird. Viel Spaß beim Einsatz im Harz!

      Schöne Grüße, Manfred

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